21D-Special: Meinung – „Katalonien vor der Entscheidung“

(Sbr) – Köln. Exakt 5 Jahre nachdem die Medien den flutenden angeblichen Weltuntergang der Mayas erwarteten, steht Katalonien vermutlich vor einem der wichtigsten Tage seiner Geschichte. Es ist Wahltag und mehr Menschen denn je werden hingehen. Was aus deutscher Sicht nahezu utopisch klingen mag, ist im Bewusstsein der Katalanen fest einzementiert: nur wer wählen geht, kann über seine Zukunft entscheiden.

Das galt am 1. Oktober, als die Bilder der Live-Übertragungen der prügelenden spanischen Guardia Civil schon am frühen Morgen Angst verbreiten sollten, und das gilt auch jetzt, wo die spanische Regierungspartei trotz ihrer einstelligen Wahlerfolge in Katalonien, die hundertprozentige Kontrolle der Provinz übernommen hat. Die Sorge und die Wut über die Fremdbeherrschung, die den Katalanen gerne als indoktrinierte, historisierende Sicht der spanischen Welt unterstellt wird, ist längst von der Realität eingeholt worden:

unzählige Ereignisse – kleine und große – der letzten Wochen haben nicht etwa den kollektiven Rückzug, sondern ein entschiedenes Jetzt-erst-recht hervorgerufen.

Auch in Deutschland ist dies spürbar. Die sozialen Netzwerke verzeichnen deutlich mehr Austausch über Fragen und Bedenken zum Wahlverfahren als etwa zur Wahlpropaganda. Wahlunterlagen, die in der Weihnachtspost festhängen, verspätete Versendung und telefonische Nichterreichbarkeit der spanischen Konsulate verstärken das mulmige Gefühl, einem Staat vertrauen zu müssen, der weiterhin das gewaltvolle Eingreifen seiner Polizeikräfte als angemessene Maßnahme betitelt.

Wollte Spanien sich jetzt und für die Zukunft das Vertrauen der Wähler zurückholen, wäre es vielleicht gut gewesen, die Rufe nach internationaler Wahlbeobachtung nicht mit dem üblichen „No“ zu beantworten, sondern die Sorgen und Zweifel der Bevölkerung ernst zu nehmen. Vielleicht – aber nur vielleicht – hätte dies als erster Hinweis zur Dialogbereitschaft gelten können, die in der Vergangenheit der spanischen Politik und unter dem Eindruck zentralstaatlicher Repressionen ihrer Verwirklichung noch entgegen sieht.

Hingegen fühlt es sich so an, als würde man in Madrid nur auf die Fortsetzung des Ewiggleichen bauen. Am Tag danach wird sich zeigen, ob das spanische Fernsehen den Ausgang der Wahl zur Titelgeschichte macht, oder ob der 22.12. durch den Singsang der Kinder während der Weihnachtslotterie übertönt wird.

Ob der kürzeste Tag des Jahres zugleich der dunkelste war, oder der Aufbruch in eine neue, von Zuversicht und Tatendrang geprägte Periode.