Castellano oder Español? – Erläuterung der politischen Konnotation

(Chris Silber) – Barcelona. Als Deutscher kommt man mit der Sprachbezeichnung Kastilisch (castellano) eher weniger in Kontakt. Warum sollte man auch Kastilisch statt Spanisch (español) sagen? In Frankreich spricht man ja auch – französisch! Und in Polen, polnisch! Also in Spanien; spricht man also spanisch – ist klar! Doch was die Bezeichnung „Spanisch“ wirklich mit sich transportiert ist weitgehend unbekannt.

 

Der Bezeichnungsursprung

Zunächst ist zu erwähnen das selbst im allgemeinen spanischen Sprachgebrauch zwischen den Bezeichnungen castellano (Kastilisch) und español (Spanisch) keine Einigkeit herrscht.

Streng genommen stammt die kastilische Sprache (Castellano) aus dem Zentrum der Iberischen Halbinsel und erlangte seinen Namen durch die geografische Einheit Castilla (heute die autonome Gemeinschaft Castilla y León und weitere Teile im Zentrum der iberischen Halbinsel). Vereinfacht gesagt Castellano stammt aus Castilla, woher es auch seinen Namen erhielt. Von dort aus verbreitete es sich auf der iberischen Halbinsel. Als der Staat España gegründet wurde, übernahm man diese einst regionale Sprache als Amts- bzw. Staatssprache. Mit diesem Moment wurde die „kastilische Sprache“ (Castellano) mit der Sprachbezeichnung „Spanisch“ (Español) versehen.

Als schwachen Vergleich könnte man wohl für Deutschland das folgende Beispiel wagen:

Man stelle sich vor das Hessisch kein Dialekt, sondern eine Sprache sei. Bei der deutschen Staatsgründung würde nun beschlossen, das Hessische als Staatssprache zu verwenden ist und fortan Deutsch zu nennen sei. Bayrisch, Schwäbisch und Sächsisch usw. würden als Regionalsprachen bewertet. Schlussendlich wäre das Hessischealso aufgewertet worden, da es als verbindende Sprache des Staates nun im ganzen Land gesprochen werden müsste. Einst eine regionale Sprache unter mehreren würde das Hessische nun die souveräne Rolle einnehmen. Davon fühlten sich die regionalen Sprachen – Bayrisch, Schwäbisch und Sächsisch… – benachteiligt.

Nun springen wir zurück zur spanischen Realität: Die Sprachbezeichnung «SPANISCH» (Español) suggeriert also, dass sie die Staatssprache ist und souverän. Die Sprachbezeichnung «Kastilisch» (Castellano) hingegen, dass die Sprache eine von mehreren regionalen Sprache ist, die neben anderen Sprachen (Aragonés, Aranés, Asturianu, Català, Euskera, Galego) im spanischen Staat existiert.

 

Welche Bezeichnung wäre nun politisch korrekt?

Fakt ist: Kastilisch/Spanisch ist neben den anderen spanischen Sprachen: Aragonés, Aranés, Asturianu, Català, Euskera, Galego, die weit-verbreitetste. Durch ihre Verbreitung ist sie in Spanien als Verkehrs- und auch Alltagssprache günstig, um Sprachbarrieren in der Nation klein zu halten und ein Zusammenleben zu fördern.

Jedoch hat sich das Kastilisch/Spanische nicht wie das Deutsche schon im Mittelalter eher homogen entwickelt. Stattdessen wurde es auf der Iberischen Halbinsel (Spanischer Bürgerkrieg und Franco-Diktatur) sowie auch in der südamerikanischen Kolonialzeit gewaltsam durchgesetzt.

Die Sprachbezeichnung «Spanisch» ist politisch also nicht neutral, da sie mit ihrem historischen Hintergrund eine repressive Konnotation transportiert. Kastilisch ist neutraler und lässt es zu, die regionalen Sprachen als gleichwertig zu schätzen. Diese Wertschätzung könnte in der sensiblen Sprachvielfalt in Spanien ein ausgeglicheneres Zusammenleben fördern.

In den nicht-spanischen Ländern ist die Eigenbezeichnung der Sprache fast ausschließlich Spanisch (Español). Wer seine Konnotation jedoch versteht, kann sich objektiver ausdrücken und so auch einen Teil dazu beitragen, indem er eine kleine, aber sensible Komponente im spanischen Konflikt (aktuelle Katalonien-Krise) berücksichtigt. In Spanien spricht man also nicht Spanisch, sondern überwiegend Kastilisch!

 

mehr zum Autor: Chris Silber @Silbersurver1