Das heutige wirtschaftliche Potential Kataloniens (I) von Josep Pérez Franco

ein Artikel von Wirtschaftswissenschaftler Josep Pérez Franco*

 

Aus wirtschaftlicher Sicht ist Kataloniens Unabhängigkeit möglich

Im Oktober 2016 machte Joseph E. Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und ordentlicher Professor an der Columbia University, von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank und von 2011 bis 2014 Präsident der International Economic Association, in Barcelona folgende Aussagen:

„Ein unabhängiges Katalonien wäre wirtschaftlich möglich.“

„Ein unabhängiges Katalonien hätte gewaltige politische Folgen und würde die Reorganisation der Nationalstaaten beeinflussen.“

Ebenso bekräftigte Kenneth S. Rogoff, von 2001 bis 2003 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und Professor an der Harvard University, dass sich Katalonien im Falle seiner Unabhängigkeit in eines der reichsten Länder der Welt verwandeln würde (wohlgemerkt in relativer Hinsicht bezüglich des Pro- Kopf-Einkommens).

Dass diese beiden international renommierten Wirtschaftswissenschaftler aus den U.S.A. aus rein wirtschaftswissenschaftlichen Erwägungen derartige Aussagen tätigen, gibt Anlaß, über die derzeitige wirtschaftliche Lage Kataloniens und die wirtschaftlichen Möglichkeiten der am 27. Oktober 2017 völkerrechtlich proklamierten, aber faktisch noch nicht errichteten neuen Republik Katalonien nachzudenken.

Das Haushaltsdefizit

Es ist ein Wunder, dass Katalonien trotz der Einschränkungen und der ständigen Abschöpfung eines Teil seiner Wirtschaftsleistung, unter denen es leidet, eine positive wirtschaftliche Entwicklung aufweist und nach wie vor der wirtschaftliche Motor des spanischen Staates ist. Es ist insbesondere das chronische Steuerdefizit hervorzuheben, worunter die Katalanen leiden, welches das negative Ergebnis des Steuerausgleichs mit dem spanischen Staat ist. Dank der Arbeit verschiedener Gruppen von Wirtschaftswissenschaftlern und dem Protest der katalanischen Öffentlichkeit wurde dieses Kriterium seitens des spanischen Staates akzeptiert, wobei erreicht wurde, dass das spanische Parlament die Veröffentlichung der Steuerbilanzen billigte. Wir wollen uns hier nicht mit den diesbezüglich geführten Diskussionen hinsichtlich der Berechnungsmethode und ihrer Komponenten befassen, auch nicht mit den Manövern, die Summen, die Katalonien per Saldo an den spanischen Staat abführt, statistisch kleiner erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich ausfallen.

Saldiert man den Betrag, den Spanien jährlich von Katalonien erhält, mit dem jährlichen Betrag, den Katalonien von Spanien direkt oder indirekt zurückerhält, so ergibt sich ein jährliches interregionales Haushaltsdefizit zuungunsten Kataloniens von rund 16 Milliarden Euro, was 8 % des katalanischen Bruttoinlandsprodukts darstellt. Katalonien zahlt also jedes Jahr etwa 16 Milliarden Euro mehr an den Zentralstaat, als es von diesem an Geldmitteln oder in Form von Infrastrukturmaßnahmen zurückerhält. Nirgendwo in der entwickelten Welt fällt das Defizit einer Region, eines Bundeslandes oder eines Staates (im Falle der U.S.A.) gegenüber dem jeweiligen Bundes- oder Zentralstaat höher als 4 % aus, zumal man davon ausgeht, daß eine Überschreitung dieser Grenze die Wirtschaft der betreffenden Region gefährdet.

Der spanische Wirtschaftsminister, Herr Cristobal Montoro, hat bezüglich des Finanzierungsausgleichs zwischen dem spanischen Zentralstaat und Katalonien ein Defizit in Höhe von lediglich 8,8 Millarden Euro zuungunsten Kataloniens eingeräumt, das — weit davon entfernt, realistisch angegeben zu sein — eine Zahl großen Ausmaßes ist, was zuvor seitens der spanischen Regierung geleugnet wurde. (Weitere Informationen hierzu im Artikel «Das interregionale Haushaltsdefizit in Katalonien» von Prof. Dr. Santiago Niño Becerra, Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsstruktur an der Ramon Llull-Universität in Barcelona, im Blickpunkt Katalonien. Herr Niño Becerra kommt für den Zeitraum von 1980 bis 2016 sogar auf ein interregionales Haushaltsdefizit in Höhe von insgesamt 570 Milliarden Euro zuungunsten Kataloniens!).

Sobald Katalonien ein unabhängiger Staat sein wird, müssen neue Strukturen beschlossen und geschaffen werden, die zwar ihren Preis haben werden, der neue Staat wird aber nach einer Studie des Beirats des Nationalen Übergangs Kataloniens einen jährlichen Überschuß in Höhe von etwa 11,6 Milliarden Euro erwirtschaften, über den die Politiker der neuen Republik Katalonien verfügen können werden und der zur Ankurbelung der Wirtschaft, zur Verbesserung der Infrastruktur, der sozialen Wohlfahrt, der Erziehung, der Forschung usw. eingesetzt werden können wird.

Ein verborgener ‚Solidaritätsfonds’

Eine Tatsache, die man mit Nachdruck und gebotener Publizität veröffentlichen muss, ist diejenige, daß Katalonien der wichtigste „europäische Fonds“ war, der dem spanischen Staat zugute kam, ein wahrhaftiger „Marshallplan“, da Katalonien seit dem Beginn der wirtschaftlichen Unterstützung Spaniens durch die Europäische Union im Zeitraum von 1986 bis 2010, wie eine Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern, die über dieses Thema forschte, errechnete, per Saldo mindestens insgesamt 240 Milliarden Euro mehr an Spanien zahlte, als es von dem spanischen Zentralstaat erhielt. Dieses Defizit, das seitens der spanischen Regierung als ‚obligatorische Solidarität’ dargestellt wird, die Katalonien Spanien gegenüber zeigen müsse, hat somit in zweieinhalb Jahrzehnten eine schwindelerregende Höhe erreicht.

Zieht man etwa den deutschen Länderfinanzausgleich zum Vergleich heran, gegen den bekanntlich mehrfach seitens einiger Bundesländer vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt wurde und der im übrigen im Jahr 2020 auslaufen soll, so ging es in ganz Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, im Jahr 2015 lediglich um die Transferleistung von 9,6 Milliarden Euro, die allerdings — wohlgemerkt — von vier Bundesländern gemeinsam aufgebracht wurde, wobei allerdings Bayern, Baden-Württemberg und Hessen den Löwenanteil und Hamburg nur eine vergleichsweise geringe Summe zahlte. Das reiche Bayern mußte dabei ’nur’ 5,5 Milliarden Euro zahlen, ihm kamen im Gegenzug aber eine Fülle von Investitionsmaßnahmen des Bundesstaates zugute. Ob wohl ein deutsches Bundesland über Jahrzehnte derartige Summen in den Länderfinanzausgleich gezahlt hätte, wie sie Katalonien von Spanien entzogen wurden?

Die von den Wirtschaftswissenschaftlern errechnete Höhe des Defizits liegt nahe an der von der Generalitat de Catalunya — im Auftrag des Ministers Mas Colell — angestellten Berechnung, die für diesen Zeitraum ein interregionales Haushaltsdefizit in Höhe von 230 Milliarden Euro zugunsten des spanischen Staates ausweist. Um diesen seit 1986 bis zum Jahr 2010 akkumulierten Wert zu aktualisieren, muss man die jeweilige Höhe des jährlichen Defizits hinzufügen, die seit 2010 konstant bei rund 16 Milliarden Euro liegt. Somit ergibt sich, je nach gewählter Berechnungsmethode, ein Negativsaldo in Höhe von 342 bis 352 Milliarden Euro zuungunsten Kataloniens.

Es drängt sich geradezu die Frage auf, wo Katalonien stände, wenn es seit 1986 über seine eigenen Ressourcen selbstbestimmt verfügt hätte, und zwar noch nicht einmal als unabhängiger Staat — was für die Katalanen freilich am besten wäre, da sie dann selbst über sich und ihre Wirtschaft entscheiden könnten —, sondern als Autonome Gemeinschaft innerhalb des spanischen Staates, die dieselben Rechte wie das Baskenland hätte, welches seine gesamten Einnahmen für sich behält und mit dem Zentralstaat eine Quote vereinbart, die es ihm für die Dienste zahlt, die er zur Verfügung stellt.

Es ist empörend, wie Katalonien Jahr für Jahr in eklatanter Weise schlechtergestellt wird, wie gerade einmal ungefähr 9 % der gesamten Investitionen des spanischen Zentralstaates Katalonien zugute kommen, obwohl Kataloniens Bevölkerung 16 % des spanischen Mehrvölkerstaates ausmacht. In Katalonien investiert der spanische Staat im jährlichen Durchschnitt 145 Euro je Einwohner, dagegen in der Extremadura 336 Euro, in Andalusien 233 Euro und in Galicien 504 Euro pro Kopf. Daher rührt der schlechte Zustand der Straßen und der veraltete Zustand der Infrastruktur in Katalonien, aber auch die guten Autobahnen, derer sich andere Regionen innerhalb des derzeit noch existierenden spanischen Mehrvölkerstaates erfreuen.

Das wirtschaftliche Potential Kataloniens

Die wirtschaftlichen Rahmendaten Kataloniens innerhalb des spanischen Mehrvölkerstaates lassen sich wie folgt abstecken:

  • —  16 % der Bevölkerung des spanischen Staates leben in Katalonien.
  • —  Die Katalanen tragen 19 % zum Bruttoinlandsprodukt des spanischen Staates bei.
  • —  Der Anteil Kataloniens an den gesamtspanischen Ausfuhren liegt bei 38 %.
  • —  Katalonien produziert 24 % aller im spanischen Staat hergestellten Waren.

In den letzten Jahren gingen die katalanischen Produkte zu je einem Drittel ins restliche Spanien und ins Ausland, ein Drittel wurde innerhalb Kataloniens abgesetzt. Dies beginnt sich mit der Zunahme des Auslandsabsatzes zu verschieben. Katalonien weist eine Besonderheit auf, insofern es sich bei der katalanischen Wirtschaft um eine offene, in Clustern strukturierte Wirtschaft handelt. Sie entspricht in etwa der Wirtschaftsstruktur des Landes València, die ein ähnliches Modell darstellt. Beide Wirtschaftsmodelle unterscheiden sich von denjenigen, die wir im Rest der Iberischen Halbinsel beobachten können. Die Diversifikation der Wirtschaft in Katalonien und im Land València führt zu wirtschaftlicher Stabilität und Sicherheit. Auch in der Wirtschaft ist es gut, nicht alle Eier in dieselbe Kiste zu legen und nicht von nur wenigen Wirtschaftssektoren abhängig zu sein. Katalonien ist in wirtschaftlicher Hinsicht ein Land der industriellen Warenherstellung und der Dienstleistungen.

 

 

  1. 24% der Gesamtproduktion
  2. 43% Chemie
  3. 39% Plastikindustrie
  4. 31% Papier- und Grafikmaterialien
  5. 28% Maschinenbau
  6. 32% Elektronik und Optik
  7. 36% Textil- und Schuhindustrie
  8. 25% Transportmaterial

 

Katalonien im Vergleich zu anderen europäischen Staaten

In einigen Bereichen der Wirtschaft hat Katalonien eine Bedeutung, die mit der anderer entwickelter Länder verglichen werden kann. Üblicherweise wird das wirtschaftliche Potential von Ländern durch ihre Bruttoinlandsprodukte angegeben. Dieser Wert ist für sich genommen jedoch unzureichend. Es ist angebracht, auch auf die Pro-Kopf-Verteilung des Bruttoinlandsproduktes zu achten. In dieser Hinsicht ist es von Interesse, Katalonien mit Ländern wie Dänemark, Österreich oder Finnland zu vergleichen, die ähnliche Wohlstandsindices wie Katalonien aufweisen. Der Vergleich folgt der Studie „Wie Österreich oder Dänemark — das mögliche Katalonien“ (Com Àustria o Dinamarca: la Catalunya possible) der Wirtschaftswissenschaftler Modest Guinjoan, Xavier Cuadras und Miquel Puig:

 

Es ist keineswegs übertrieben, darauf hinzuweisen, dass Katalonien mit einigen Ländern Europas verglichen werden kann, die ein vergleichbares Niveau aufweisen und sich eines hohen Wohlstandes, einer beachtlichen wirtschaftlichen Entwicklung und relativ niedriger Arbeitslosenzahlen von zwischen 4-7 % erfreuen. Dass Katalonien in wirtschaftlicher Hinsicht alle Voraussetzungen erfüllt, um als unabhängiger Staat zu prosperieren, wird auch im Ausland immer wieder gesehen und betont.

Beispielshalber sei der Artikel „Unabhängigkeit Kataloniens: Sezession – können und dürfen die das?“ von Rainer Hank aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 9. Oktober 2017 zitiert, dessen Untertitel die Eingangsfrage bereits zum Teil beantwortet: „Die Katalanen wollen sich von Spanien trennen. Dürfen die das? Und wären sie am Ende wirtschaftlich auch überlebensfähig? Die Antwort heißt: Ja!“

Ein wesentlicher Punkt ist auch die optimale Größe von Staaten. Die neue Weltordnung und ihre rasante Entwicklung stellen den Sinn großer Staaten in Frage. Die kleineren Länder waren diejenigen, die die letzte Wirtschaftskrise besser und schneller überwunden haben. In Europa weisen derzeit kleinere Staaten wie Litauen, Estland, Finnland, Österreich, Schweden und Belgien höhere wirtschaftliche Wachstumsraten als Länder wie Italien, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Deutschland und Spanien auf. Tatsächlich zeigen kleinere Staaten in einer globalisierten, sich ständig verändernden Wirtschaft eine größere Anpassungsfähigkeit und eine höhere Flexibilität, um für sich geeignete politische Strategien durchzusetzen.

 

Die Attraktivität Kataloniens für Auslandsinvestitionen

Zu diesem Punkt — wie zu vielen anderen — werden derzeit falsche, sachlich unbegründete Meinungen veröffentlicht und von Teilen der internationalen Presse — insbesondere in deutschsprachigen Medien — ohne erforderliche sachkundige Nachprüfung so wiederholt, wie sie von interessierter spanischer Seite vorgegeben werden. Es wird versucht, die Lage so darzustellen, als ob aufgrund des katalanischen Strebens nach Souveränität die Wirtschaft Kataloniens Einbußen erleide und Arbeitsplätze verloren gingen. Die Wirklichkeit ist diesen Behauptungen, die in Deutschland leider häufig ungeprüft verbreitet wurden, diametral entgegengesetzt. Zahlen lügen nicht, man muss sie allerdings kennen bzw. darf sie nicht vorsätzlich verschweigen.

Vom Januar 2011 bis zum Juni 2016 zog Katalonien 14.582 Millionen Euro ausländischer Direktinvestitionen an. Dies entspricht 34 % der ausländischen Direktinvestitionen, die in diesem Zeitraum auf dem ganzen Gebiet des spanischen Mehrvölkerstaates investiert wurden. Von allen Autonomen Regionen Spaniens lag Katalonien hinsichtlich der Höhe der ausländischen Direktinvestitionen an der Spitze. Während des gesamten Jahres 2016 lag die Höhe ausländischer Direktinvestitionen in Katalonien bei 4.857 Millionen Euro, was in etwa der Summe ausländischer Direktinvestitionen des Vorjahres entspricht.

Es ist hervorzuheben, dass diese Zahlen sich auf Jahre beziehen, in denen das katalanische Streben nach Souveränität sowohl politisch als auch durch große Organisationen der Zivilgesellschaft massiv zum Ausdruck kam und niemandem verborgen blieb. Es ist daraus die Schlußfolgerung erlaubt, dass die Wirtschaft, anders als von der Madrider Regierung unter Führung von Mariano Rajoy gebetsmühlenartig immer wieder behauptet, auf eigenständige Weise funktioniert und dabei insbesondere das Potential eines Landes, seine Investitionsbedingungen und seine gegenwärtige wie seine zu erwartende zukünftige Stabilität berücksichtigt.

Die Höhe der ausländischen Direktinvestitionen in Katalonien darf somit als Zeichen des Vertrauens in die Zukunft Kataloniens gewertet werden, und man wird den über sie entscheidenden Führungskräften wohl nicht unterstellen dürfen, daß sie davon ausgingen, dass die Katalanen realitätsverlorene Traumtänzer wären, oder dass sie einen apokalyptischen Zusammenbruch für möglich hielten, wie ihn die spanischen Nachbarn Kataloniens für die Zeit nach der Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien prophezeien.

Für die Katalanen stellt sich die Lage, wenn sie die gegebenen Möglichkeiten logisch erwägen, somit so dar, dass sie lediglich die Wahl haben, ob sie weiterhin das unfreiwillige Zugpferd, gleichsam der Motor des spanischen Staates bleiben wollen oder ob Katalonien ein unabhängiger, prosperierender europäischer Staat mit einer beneidenswerten geostrategischen Position werden soll.

Im Laufe des Jahres 2016 wurden gemäß den Daten des katalanischen Instituts für Statistik (Idescat — Institut d’Estadística de Catalunya) und des spanischen nationalen Statistikinstituts (INE — Instituto Nacional de Estadística) auf dem gesamten Gebiet des spanischen Mehrvölkerstaates insgesamt 101.071 neue Unternehmen angemeldet, wovon 21.781 auf Katalonien entfielen. Damit lag Katalonien auch hinsichtlich der Anmeldung bzw. Gründung von Unternehmen auf dem ersten Platz innerhalb des spanischen Staates. Madrid kam dagegen auf den zweiten Platz mit 19.946 Neuanmeldungen.

Katalonien ist bekanntlich ein ‘KMU-Land’, ein Land der kleinen und mittleren Unternehmen. Es gibt eine große Zahl von Unternehmen — mehr als 600.000 —, sie weisen aber kleine Strukturen und eine familiäre Komponente auf, die Mehrheit von ihnen beschäftigt weniger als neun Personen. Die katalanischen Firmen müssen daher auf allen Ebenen ausgebaut werden und größere Strukturen errichten, um moderne Managementmethoden zu entwickeln und einzuführen, die Forschung voranzutreiben und ihr gutes Vertriebsnetz sowohl innerhalb Kataloniens als auch im Ausland weiter auszubauen. Es ist bemerkenswert, dass viele katalanische kleine und mittlere Unternehmen auf ihren jeweiligen Geschäftsfeldern eine wichtige Führungsrolle in der weltweiten Innovation spielen.

In Katalonien sind beinahe 5.500 multinationale Konzerne vertreten. Davon sind 18 % deutsche, 15 % französische und 10 % US-amerikanische Firmen. Einige von ihnen sind bereits seit fünfzig bis fünfundsiebzig Jahren in Katalonien ansässig und auf ihren jeweiligen Geschäftsfeldern (wie Chemie, Pharmazie, Automobilindustrie, Maschinenbau, Dienstleistungen und in jüngerer Zeit auch neuen Technologien) führend. Diese strukturelle Komponente bringt Katalonien Stabilität und Sicherheit sowie Synergieeffekte für die katalanische Wirtschaft und das Bildungswesen. Katalonien muß alles tun, um diesen Konzernen einen geeigneten Rahmen für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten und ihre Entwicklung zur Verfügung zu stellen, und zwar insbesondere gut ausgebildetes Humankapital, Rechtssicherheit und Freiheit von Korruption, gute Infrastrukturen und Kommunikationsverbindungen, ein stabiles soziales Klima und soziale Wohlfahrt.

Multinationale Konzerne können, wenn sich die allgemeinen Rahmenbedingungen für sie verschlechtern, von einem Land in ein anderes umziehen, weswegen man ihnen entgegenkommen und das, was sie benötigen, in erforderlichem Ausmaß bereitstellen muß.

Der Zustand der katalanischen Infrastruktur

Ein Land ohne Straßen, Zugverbindungen und Stromnetz kann man sich heutzutage in Europa kaum noch vorstellen. Die Infrastruktur erlaubt den Transport sowie die Verteilung von Gütern und Personen. Ohne eine gute und effiziente Infrastruktur kann ein Land nicht funktionieren, es bricht zusammen und verarmt. Die Infrastrukturproblematik ist dermaßen weitreichend, daß sie in einer ausführlichen Monographie erörtert werden müßte, was vorliegend nicht zu leisten ist.

Die in Katalonien zu konstatierenden Rückstände bei den Investitionen in die Infrastruktur zu Lande, zu Wasser und in der Luft sind so gewaltig, daß sie das Vertrauen der Katalaninnen und Katalanen in die Politik und in das Wirtschaftssystem des spanischen Mehrvölkerstaates schwer erschüttert haben, und führen zudem dazu, daß multinationale Investitionen ausbleiben. Hätte Katalonien eine gut ausgebaute Infrastruktur, wäre die Höhe der ausländischen Direktinvestitionen mit Sicherheit noch höher, als es derzeit bereits der Fall ist. Die pflichtwidrigen Unterlassungen der spanischen Zentralregierung hinsichtlich des Ausbaus der katalanischen sowie der überregionalen Verkehrswege insbesondere am Mittelmeer, die Vernachlässigung des katalanischen Schienennetzes, das ineffiziente und monopolisierende Management der Luftfahrtgesellschaft Aena, die bislang renditelosen Investitionen in Hochgeschwindigkeitsstrecken in anderen Teilen Spaniens, denen — was zuvor bereits abzusehen war — schlichtweg die Passagiere fehlen, und teure, aber nutzlose ‚Geisterflughäfen’in anderen Gebieten des spanischen Staates verspielen das in Katalonien zur Modernisierung der dortigen Infrastruktur dringend benötigte Geld und gefährden die Wettbewerbsfähigkeit Kataloniens.

Man wird es außerhalb Spaniens vermutlich zunächst gar nicht glauben wollen, daß nach einer Investition von 55 Milliarden Euro in ein nationales Streckennetz von Hochgeschwindigkeitszügen noch nicht einmal eine Planung existiert, die beiden großen Metropolen der Katalanischen Länder, Barcelona und València, durch eine Hochgeschwindigkeitszugstrecke miteinander zu verbinden. (Unter den <Katalanischen Ländern’ versteht man außer Katalonien selbst insbesondere das Land València, die Balearen und das in Frankreich gelegene Nordkatalonien sowie Andorra.) Dabei sind Barcelona und València die dynamischsten Wirtschaftszonen des spanischen Mehrvölkerstaates, die am meisten exportieren und den höchsten Beitrag zum spanischen Bruttoinlandsprodukt beisteuern. Der spanischen Zentralregierung fehlt erkennbar der politische Wille und eine entsprechende Konzeption. Spanien behandelt Katalonien ohne jegliche wirtschaftliche Vernunft.

Der vermeintliche Geldregen von Millionen von Euro, den der spanische Präsident Mariano Rajoy dem katalanischen Volk Ende März 2017 versprach, ist in Wahrheit ein übler Scherz und eine billige Roßtäuscherei, der nur Unkundige und seine fanatische rechte Truppe zu überzeugen vermag. Das Versprechen, bis zum Jahr 2020 4,2 Milliarden Euro in die katalanische Infrastruktur zu investieren, somit 1,05 Milliarden jährlich, ist geradezu lächerlich! Experten beziffern die für Katalonien erforderliche Summe auf 40-50 Milliarden Euro, so daß die heute erforderlichen Investitionen lediglich im Verlauf der nächsten vierzig bis fünfzig Jahre vorgenommen werden könnten und in diesem Zeitraum ein weitaus größerer neuer Investitionsrückstand entstünde. Nur für die Schienenwege versprach die spanische Zentralregierung im Jahr 2010 die Vornahme einer Infrastrukturinvestition in Höhe von vier Milliarden Euro. Es sei ihr die Schmach und Schande erspart, daß hier deutschsprachigen Leserinnen und Lesern gegenüber die unbedeutende Höhe der dann tatsächlich vorgenommenen Investitionen bekanntgegeben wird.

Bezüglich des erforderlichen Ausbaus des Mittelmeerkorridors und seines vordringlichen Umbaus auf der Schienenstrecke Algeciras — Madrid — Saragossa ziehe ich es vor, nicht das zu schreiben, was ich denke, um nicht einen Ausdruck zu Papier zu bringen, der nach spanischem Recht, welches das

Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung seit einigen Jahren erheblich einschränkt, mit Mitteln des Strafrechts sanktioniert werden könnte, sondern verweise lediglich auf einen Beitrag von Joan Amorós in der katalanischen Internetzeitschrift Unilateral.

Joan Amorós ist Präsident von Ferrmed, einer bedeutenden Vereinigung europäischer Wirtschaftsunternehmen und Wirtschaftsinstitutionen, welche den Ausbau und die Modernisierung des Schienengüterverkehrs in Europa von Nord nach Süd zu fördern bestrebt ist, und gilt europaweit als angesehene Autorität auf dem Feld des Ausbaus und der Modernisierung moderner Infrastrukturen. Daß die Europäische Union den Ausbau des Mittelmeerkorridors im Jahr 2013 für vorrangig erklärte, ist seiner ebenso hartnäckigen wie zielführenden Tätigkeit zu verdanken. Die Europäische Union setzte sich zu dem Zeitpunkt für den Ausbau dieser für Katalonien eminent wichtigen Strecken ein, als der spanische Zentralstaat sämtliche Fristen hatte verstreichen lassen und alle möglichen Hindernisse ausgespielt hatte. Brüssel hält die Erfüllung für verpflichtend und Spanien für eines der Länder, die ihren diesbezüglichen Verpflichtungen am wenigsten nachkommen.

Die weltweite Wohlstandskala der Vereinten Nationen

In dieser Skala der Vereinten Nationen werden verschiedene Variablen wie das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das Sozialsystem, die Lebenserwartung, die Freiheit der Wahlen, das Ausmaß der Meinungsfreiheit, der Grad der Korruption usw. berücksichtigt.

Die ersten zehn Länder, die in diesem ranking der Vereinten Nationen am besten abschneiden, sind die folgenden:

  1. Norwegen
  2. Dänemark
  3. Island
  4. Schweiz
  5. Finnland
  6. Niederlande
  7. Kanada
  8. Neuseeland
  9. Australien
  10. Schweden

Spanien kommt dagegen nur auf den 35. Platz.

 

Wie ersichtlich ist, sind die führenden Länder diejenigen, die wir als kleine Länder hervorgehoben haben, welche sich besser auf sich ändernde Rahmenbedingungen einstellen können, die eine gute Wachstumsrate sowie eine Größe und Charakteristiken aufweisen, die mit Katalonien vergleichbar sind. Es sollte das Bestreben Kataloniens sein, einen Platz unter denjenigen Ländern einzunehmen, die die beste Wohlfahrt ihrer Bevölkerung aufweisen. Deshalb — und damit die Katalaninnen und Katalanen selbst darüber entscheiden können, was gut für sie ist — wollen sie mehrheitlich, daß Katalonien eine unabhängige, rechtsstaatliche, demokratisch verfaßte und korruptionsfreie Republik innerhalb der Strukturen der Europäischen Union wird.

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*Zum Autor: Josep Pérez Franco ist ein in Unternehmensführung spezialisierter Wirtschaftswissenschaftler. Er lehrte Wirtschaft und Unternehmensführung an der IESE Business School, Univ. Rochester (USA). Er war Dozent für Angewendete Wirtschaftswissenschaften an der Universität Ramon Llull und Geschäftsführer eines internationalen Konzerns. Aktuell arbeitet er als Ökonom in einem Privatunternehmen.

Der folgende Text ist der erste von vier Artikeln, die im Jahr 2017 im Original auf Katalanisch erschienen. Größtenteils wird das katalanische Original in deutscher Übersetzung wiedergegeben, an einigen Stellen mit Genehmigung des Verfassers auch für die deutsche Leserschaft adaptiert und erweitert. Die deutsche Übertragung wurde von Prof. Dr. Axel Schönberger besorgt.

Die am 10. April 2017 erfolgte Originalveröffentlichung kann hier nachgelesen werden: L’Unilateral: El digital de la República Catalana http://unilateral.cat/2017/04/10/potencial-economic-de-catalunya-avui-i/

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