Eine kontroverse Sprachpolitik – die CatalApp

(Chris Silber) – Barcelona. Bei den aktuellen Spannungen zwischen Spanien und Katalonien reichen die Eingriffe Madrids bis in die Spracheentwicklung des Katalanischen hinein, was teilweise an die Zeiten des Nationalsozialismus in Deutschland erinnert und zu streitbaren Reaktionen führen kann wie die CatalApp.

 

Historischer Hintergrund

Der Sprachalltag in Katalonien ist zweisprachig (hier mehr erfahren). Doch das war, vor allem während der stark-repressiven Phase der Franco Diktatur (1939-1950) in Spanien, anders. Mit dem Streben Francos nach einer nationalen Homogenität Spaniens wurde auch die Sprachpolitik an dieses Ziel angepasst. So wurde die katalanische Sprache wie auch andere in Spanien vertretene Sprachen unterdrückt.

Die Sprache war aus dem öffentlichen Leben verbannt. In Schulen, auf Werbeplakaten, Straßen und Schildern sowie bei notarieller, rechtlicher und kommerzieller Nutzung durfte nur Spanisch verwendet werden. Das hatte zur Folge, dass ein Großteil der Bevölkerung nach und nach durch die Unterdrückung der katalanischen Sprache fast ausschließlich in Spanisch kommunizierte.

So wurden zwar nicht wie im deutschen Nationalsozialismus dem Wahn der Ausrottung durch Vernichtung der Kultur und Menschen gefolgt, jedoch folgte die Unterdrückung der Sprache und Kultur im Franquismus im Kern dem gleichen Gedanke – systematische Selektion.

Mit dem Schwinden von Francos Macht nach 1960 lockerte sich jedoch die restriktive Sprachpolitik. So konnte allmählich die katalanische Sprache auch im öffentlichen Raum wieder Fuß fassen.

 

Die CatalApp

In Anbetracht dieses historischen Hintergrunds kommt es mit der heutigen spanischen Regierung (Partido Popular, Volkspartei), die dem autoritär-konservativen Wirken Francos teilweise nahe steht, zu einer kontroversen Lage in Katalonien. Die besagte Regierungspartei focht ein Reformabkommen zur Neureglung des Autonomiestatus in Katalonien im Jahr 2006 an, damals noch in der Opposition, und verweigerte als Regierungspartei ab 2011 zwei Referenden zum politischen Status Kataloniens. Dabei unterband sie dieses letzte Referendum mit teilweise autoritären Polizeimaßnahmen und Festnahmen.

So entsteht bei einer großen Anzahl der Katalanen der Eindruck, dass sie erneut einer Unterdrückung und der Einschränkung der freien Meinungsäußerung unterliegen. Politisch ist dieser Eindruck faktisch kaum von der Hand zu weisen.

Infolge startete 2016 – aus Angst vor einer erneuten Unterdrückung der Sprache – die Nichtregierungsorganisation Plataforma per la Llengua („Plattform für die Sprache“), die sich für die Förderung der katalanischen Sprache in den Katalanisch-sprachigen Gebieten einsetzt, eine umstrittene Kampagne:

„Wenn du es Leid bist in Restaurants, Bars, Geschäften,… nicht auf Katalanisch bedient zu werden, dann ist die CatalApp dein Tool!“

Mit diesem Slogan wirbt die Plattform für die katalanische Sprache (Plataforma per la Llengua) auf ihrer Webseite für eine App, die es ermöglicht, Läden rein nach ihren Katalanisch-Kenntnissen zu bewerten. So ermöglicht man dem Nutzer zwangsläufig, die Geschäfte nach ihren Spracheigenschaften und damit indirekt nach ihrer Identität zu bewerten.

 

Doch was ist ein katalanisches Geschäft? Welches ein spanisches?

Was ist ein katalanisches Geschäft? Was ein spanisches? Mit diesem Ansatz wurde im Nationalsozialismus das deutsche vom jüdischen Geschäft gekennzeichnet. Nur das durch die App die Bewertung des Geschäfts nicht als Stigma fungiert, sondern stattdessen als Marke genutzt werden soll.

Der spanische Eindruck, in Katalonien würde indoktriniert, um bewusst zu spalten, ist ein

Ressentiment, das im populistischen Diskurs gerne benutzt wird, um die Katalanen zu missbilligen. Die CatalApp, die so radikal auf Identität setzt, ist dabei Wasser auf die Mühlen. Die Angst, die durch diese App zum Ausdruck kommt, ruht im Grunde genommen auf einer Überreaktion der Sprachverfechter, die ein verletztes Identitätsbewusstsein haben. Sie merken dabei gar nicht, wie rassistisch sie handeln.

Gleichzeitig sollte eine solche sprachpolitische Reaktion in einer grundsätzlich zweisprachigen Gesellschaft wie der katalanischen, stark zu Denken geben. Wie die Realität im zweisprachigen katalanischen Alltag aussieht, erfahren Sie hier.

 

mehr zum Autor: Chris Silber @Silbersurver1