Geschichte Kataloniens (I) bis zum Spanischen Bürgerkrieg

Um den Konflikt zwischen der autonomen Gebietsregion Katalonien und Spanien zu verstehen, sind Kenntnisse über die Geschichte Kataloniens und deren jeweiligen Einflüsse auf die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung unerlässlich.

 

Wer sind die Katalanen?

Die Katalanen sind die Bevölkerung des Nordostens Spaniens, bei der sich durch geschichtliche Entwicklung eine eigenständige Sprache, Kultur und Literatur entwickelte.

 

Kataloniens Geschichte im Überblick:

Katalonien war ein von den Iberern besiedeltes Gebiet und lag später im Einflussbereich Karthagos. Ende des 3. Jahrhunderts vor Christus übernahmen die Römer die Macht über das Gebiet. Im Jahre 19 nach Christus wurde das Land in die römische Provinz Hispania Tarraconesis eingegliedert. Um 400 drang das Volk der Alanen ein, die gegen 415 den Westgoten weichen mussten. Man vermutet, dass aus den Namen dieser beiden Völker Got-Alanien der Name „Katalonien“ (Katalanisch: Catalunya) entstand.

Nach der arabischen Invasion um 711 wurde Katalonien von den Franken erobert, die 801 Barcelona unter Beschlag nahmen. Die damals mit dem Gebiet Kataloniens identische Grafschaft von Barcelona wurde durch Heirat 1137 Bestandteil des spanischen Königreiches von Aragonien. Katalonien konnte jedoch einige Sonderrechte behalten, bevor diese 1714 im Spanischen Erbfolgekrieg verloren wurden.

Es dauerte bis 1932, bis Katalonien nach dem Sturz der Monarchie seine Autonomie zurück erlangte. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte Katalonien großteils auf der Seite der Republikaner. Nach der Eroberung Kataloniens 1939 durch General Francisco Franco wurde der Verlust der Unabhängigkeit Kataloniens besiegelt.

Erst 1969 verstärkten sich die Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen wieder. Mit der Verfassungsgebung gewährte der spanische Staat der katalanischen Region eine beschränkte Selbständigkeit. Im Übergang zur Demokratie, der sogenannten Transition, wurde 1979 durch Volksabstimmung ein Autonomiestatut Kataloniens mit großer Mehrheit angenommen und trat in Kraft.
 

Im nachfolgenden finden Sie nach Abschnitten gegliedert detaillierte Informationen zur Geschichte Kataloniens:

Arabische Invasion

700 – 800: Entstehung der katalanischen Länder. Um 711 drangen die Mauren vom afrikanischen Kontinent in das heutige Gebiet Kataloniens ein. Die Franken drängten die Araber nach Süden des heutigen Spaniens zurück. 785 unterstellt sich das Gebiet um Girona den Franken, das sich aus eigener Kraft von der arabischen Belagerung befreit hatte. Cerdanya und Alt Urgell tun es Girona gleich. Ludwig der Fromme, Sohn von Karl dem Großen, der damalige König der Franken, eroberte Barcelona und setzt Berá als Grafen ein. Es entstehen verschiedene Grafschaften, die sich zu einer Einheit zusammenschließen.

 

Grafschaft von Barcelona

800 – 900 Graf Guifré el Pelós (Wilfried der Behaarte) spielt eine wichtige Rolle, denn er vereint 878 einen Großteil Altkataloniens. Er ist der Stammälteste einer der bedeutensten Grafenlinie, nämlich des Grafenhauses Barcelona, die bis zum Jahr 1410 das Schicksal Kataloniens bestimmen. Somit wurden die Grafen von Barcelona die wichtigsten Vertreter der Karolinger bzw. Gothien.

900 – 1000 Erste Unabhängigkeitsbestrebungen. Die Grafen der katalanischen Hauptstadt Barcelona machen sich unabhängig. Grund hierfür war, dass nach einem Angriff der Araber auf Barcelona die Franken ihre Hilfe versagen. Der katalanische Graf Borell der II. organisiert daraufhin allein den Schutz vor den Arabern. Dieses Ereignis wurde historisch als ein erster Hinweis auf das Unabhängigkeitsbestreben der Katalanen bezeichnet.

1000 – 1100 Beginn des fortschrittlichen Katalonien In den Klöstern wie Vic und Ripoll werden arabische Texte übersetzt und dienen der bis dahin rückständigen christlichen Kultur als fortschrittliche Wissensquelle und es entwickelt sich kulturelles Leben. Die Bibliotheken dieser Klöster sind bald weit über die Landesgrenzen Kataloniens bekannt, denn sie enthalten Standardwerke antiker Autoren und Abhandlungen über Mathematik, Astronomie, Grammatik und Geographie. Von hier aus startet die Epoche der südwesteuropäischen Romanik, wie man sie heute noch beispielsweise in den Kirchen der Dörfer Boi und Taüll bewundern kann.

 

1100 – 1400 Woher stammt der Name „Katalonien“?

Die Herkunft des Namens Katalonien`s ist bis heute unklar. Man vermutet, dass Katalonien aus der Zusammensetzung der Wörter der Voelker Goten und Alanen entstand, die die Gegen damals besiedelten. Erstmals taucht die Bezeichnung Katalonien im 12. Jahrhundert auf. Raimon de Berenguer der III. erlangt durch Heirat mit Dolça de Provença Gebietsherrschaft über die Provence und Montpelhièr und erobert zwei Jahre später das heutige Mallorca. Allerdings muss er seine Truppen von der Mittelmeerinsel abziehen, um seine bedrohten Festlandgrenzen zu beschützen. Diesen Umstand macht sich König Jaume der I. von Aragon zunutze und gewinnt die Balearen für das Katalonien. Von diesem Moment bezeichnet man die Katalanen zum ersten Mal als ethnische, kulturelle und politische Gemeinschaft.

 

Entstehung des ersten Parlaments in Europa  

Im 12. Jahrhundert gelangt es dem Grafenhaus Barcelona durch eine geschickte Heiratspolitik zur Vereinigung der Grafschaften Katalanien und Aragon (Heirat von Petronila von Aragon und Ramón Berenguer der IV.). Dies geschah aufgrund einer prekären Situation, in dem sich das aragonesische Königreich befand. Aragons König Ramiro der II. bittet den Grafen von Barcelona um Hilfe gegen die Bedrohung der Araber und Kastilier und bietet ihm im Gegenzug die Königswürde mittels Heirat seiner Tochter Petronila (katalanisch: Peronella) an. Die katalanische Identität wurde trotz Zusammenschluss mit Aragon beibehalten. Es wurde eine katalanische Regierung mit dem ersten Parlament in Europa, dem Corts Catalanes gegründet.

Katalonien entwickelte sich zu einer starken Wirtschaftsmacht, denn der Handel blühte aufgrund der starken Seeflotte. Es kam zur Eroberung der Gebiete Valencias und der Inseln Mallorca, Sizilien und Sardinien.

 

Generalitat und Diputación General

Jaume der I. trug maßgeblich zur Errichtung einer Stadtmauer rund um das heutige Barrio Gótico von Barcelona bei. Um 1359 wurde der Grundstein für die heutige Generalitat, dem Regierungs- bzw. Selbstverwaltungsorgans Katalonien`s gelegt. Erster Präsident der Generalitat wurde 1359 Berenguer de Cruïlles, Bischof von Girona. In der gleichen Zeit entstand die Diputación General, (Provinzialverwaltung) deren Mitglieder abgesandte des Adels, der Kirche und Bürger bildeten und die verstärkt politisch Einfluss nahmen.

 

Machtverschiebung und Alhambra – Edikt  – die Judenverfolgung unter Isabel der I. und Ferdinand dem II von Aragon 

1400 – 1600 Durch die Heirat des Königs Ferdinand der II. von Aragon mit Isabel der I. von Kastilien wurde das Königreich Aragon einschließlich Katalonien nun Teil des gesamtspanischen Königreiches. Dies führte nach und nach zu einer Machtverschiebung von Aragon in die Mitte des spanischen Reiches. Zwar behielt Katalonien seine Souveränität, musste sie allerdings in den nachfolgenden Jahrhunderten immer wieder verteidigen.

Auf das Konto von Ferdinand der II. und Isabel der I. gehen nicht nur die Eroberung des Königreiches Granada, sondern auch die Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel. Durch das 1492 erlassene Alhambra-Edikt forderten sie die Juden, die sie noch bei der Eroberung Granadas finanziell unterstützt hatten, innerhalb von drei Monaten auf, spanisches Gebiet zu verlassen, sofern sie nicht zum Christentum überträten. Damit begann eine bis dato nicht dagewesene Verfolgung der Juden unter Tomás de Torquemada. Dies hatte unter anderem eine  Kapitalflucht und Abwanderung qualifizierter Handwerker aus Katalonien zur Folge. Gleichzeitig entdeckte und eroberte Christoph Kolumbus im Auftrag dieses Königspaares Amerika.

1600 – 1800 Durch die kastilische Inquisition und Vertreibung der Juden wurde der wirtschaftliche Verfall Katalonien`s begünstig. Zudem galt das neue Interesse des Königshauses der Entdeckung und Eroberung der neuen Welt durch Kolumbus.

 

Verlust der Unabhängigkeit Barcelonas – Beginn des goldenen Zeitalters

Barcelona verlor 1659 seine Unabhängigkeit. Damit einher ging die Unterstellung aller politischer Einrichtungen an die spanische Monarchie. Durch die Eroberung Amerikas erlebte Spanien einen enormen Aufschwung, das Goldene Zeitalter begann. Den katalanischen Hafenstädten wurde  hingegen der Handel mit dem neuentdeckten Südamerikaverweigert. Erst 1778 durfte Katalonien Handel mit Amerika treiben. 

 

Woher stammt eigentlich die katalanische Hymne „Segadors“?
Kataloniens Unabhängigkeitskrieg – Aufstand der Schnitter (katalanisch: Guerra dels Segadors) 

Der Aufstand der Schnitter wurde ausgelöst durch die Zwangsstationierung kastilischer Truppen während  des Französisch – Spanischen Krieges um 1635, unter der das katalanische Volk extrem litt. Im Norden Kataloniens kam es zu Aufständen gegen die Truppen Philipps. 1638 wird Pau Claris zum Präsident der Generalitat und Frances de Tamarit zum Vertreter des militärischen Standes ernannt. Beide gehören zum niederen Adel und sind Gegner der Monarchie, die in Katalonien der Politik Philipps folgte. 1640 dringen die gegen die Übergriffe der kastilischen Truppen demonstrierenden Bauern (Schnitter – von Getreide schneiden) nach Barcelona vor und es kommt zu hitzigen Auseinandersetzungen und Brandlegungen der Häuser der kastilischen Aristokratie. Der Konflikt eskaliert mit dem Mord am Statthalter von Katalonien. Philipp beginnt daraufhin, Katalonien zu besetzen und  der niedere katalanische Adel sucht militärische Hilfe in Frankreich (Abkommen von Ceret) mit dem Ergebnis, dass 1641 in der Schlacht um Montjuic die kastilischen Truppen vom französischen Militär vertrieben werden. Doch auch Frankreich hält sein Versprechen nicht, die verbrieften verfassungsmäßigen Rechte Kataloniens zu garantieren. Die französischen Truppen ziehen sich zurück und Barcelona fällt 1652 nach einjähriger Belagerung durch Philipps Truppen. Der katalanische Widerstand bleibt bis zum Pyrenäenabkommen 1659 aktiv. Durch dieses Abkommen fallen Rosselló, Conflent, Vallespir und andere Gebiete des nördlichen Teils an Frankreich. Damit entsteht eine unnatürliche Staatsgrenze und eine bis dato 900 Jahre bestehende sprachliche, kulturelle und politische Einheit zerfällt in zwei Teile, was sich heute noch an der Ex- und Enklave Llívia verdeutlicht. Katalonien fällt wieder unter Philipps Königtum.

 

Welchen Hintergrund hat der katalanische Nationalfeiertag am 11. September?
Spanischer Erbfolgekrieg – 11. September 1714

Am 11. September 1714 verlor Katalonien seine Eigenständigkeit an das spanische Königreich endgültig. Grund hierfür war der spanische Erbfolgekrieg zwischen 1701 und 1714. Es ging um das Erbe des letzten spanischen Habsburgers, Karl dem II. von Spanien. Der kinderlose Monarch löste mit seinem Tod 1700 den Streit um die Nachfolge der Regentschaft des spanischen Königreiches aus. Im Streitlager standen sich einerseits die sogenannte Haager Große Allianz mit dem österreichisch habsburgerischem Kaiser, dem heiligen römischen Reich, Großbritannien und die Niederlande und andererseits Frankreich mit seinen Verbündeten Kurköln, Savoyen und dem Kurfürstentum Bayerngegenüber. Katalonien steht dem aus absolutistischer Umgebung stammenden Bourbonen feindlich gegenüber und sieht auf der Seite der österreichischen Habsburger eine bessere Garantie auf Eigenständigkeit, begibt sich damit jedoch auf die Verliererseite. Nach dem Tod seines Bruders Karl der II. 1705 wird Erzherzog Karl der III. zum einzig legitimen Thronnachfolger und wird 1706 vom Corts Catalans parlamentarisch bestätigt.

Als Karl in Madrid auch seinen Anteil an Kastilien einfordern will, stößt er auf Widerstand. Bis 1711 residiert Karl in Barcelona. Seine Position in Katalonien hat die politische Lage Europas geändert.

England verweigert die Unterstützung bei der Durchsetzung der Ansprüche Österreichs in Kastilien und Katalonien. So muss Karl seine Truppen abziehen. Sein Vorschlag zur Errichtung einer Katalanischen Republik unter dem Schutz Englands wird abgelehnt. Er kann mit dem Utrechter Abkommen allenfalls eine Amnestie für die Katalanen unter der Voraussetzung aushandeln, dass sie sich sofort ergeben. Die Katalanen leisten letzten Widerstand, müssen sich jedoch am 11. September 1714 nach 14-monatiger Belagerung durch die französisch-spanische Armee schließlich ergeben. Mit der Machtübernahme Philipps bestätigen sich die Befürchtungen der Katalanen gegenüber dem Bourbonen. Er schafft per “Dekret über den Neuaufbau” die verfassungsmäßig garantierten katalanischen Institutionen ab und ersetzt sie durch die Gesetze Kastiliens. Er macht das “Recht des Eroberers” geltend, wie auch in den Dekreten zu lesen ist. Er lässt die fünf katalanischen Universitäten schließen, unterbindet die katalanische Sprache indem er bei Verwaltung, Gerichten und in Schulen spanisch einführt, was mangels Unkenntnis in der katalanischen Bevölkerung zu einer Distanzierung des Volks zum Staatsapparat führt. Katalanisch wurde nun nur noch zu Hause gesprochen. Madrid verwaltete von nun an Barcelona und stellte die Stadt unter Polizeikontrolle.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts konzentrieren sich die Katalanen auf ihre wirtschaftlichen Stärken. So erfolgt ein Aufschwung in der Landwirtschaft, insbesondere im Weinanbau und im Textilsektor. Durch den Wegfall des Verbotes des Handels mit Amerika blüht ab 1765 der Seehandel der Mittelmeerstandorte. Doch die Bestrebungen auf Eigenständigkeit sind damit nicht vergessen. Bereits 1760 forderten Barcelona`s Abgeordnete die 1714 verlorenen Freiheiten zurück, erreichten jedoch nur wenig Zugeständnisse.

1800 – 1931 Unter Einfluss des napoleonischen Krieges wird Katalonien von 1810 – 1814 Teil des französischen Kaiserreiches. Anfang 1900 beginnt Kataloniens sprachliche und künstlerische Eigenständigkeit. Der Modernismus bringt bis heute einzigartige Bau- und Kunstwerke hervor. 1906 findet erstmals ein Kongress zur Standardisierung der katalanischen Sprache statt. Unter der Diktatur von Primo de Rivero wurde Katalanisch von 1923 – 1930 allerdings wieder verboten. Erst ab 1931 erhielt Katalonien auch seine politischen Institutionen, Wiederrichtung der Generlitat, in Form einer provisorischen Autonomie wieder zurück, so dass die Sprache eine Wiederbelebung erfuhr, allerdings nur bis zum Ende des Spanischen Bürgerkrieges.

 

Quellen

Bücher:

Walter Haubrich: Die Deutschen und ihre Nachbarn – Spanien; herausgegeben von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker C.H. Beck

Marco Class: Der Aufstieg der Falange Español

Faschistische Kultur und Gewalt im Nordwesten Spaniens 1933 – 1937, S. 57

100 % Katalonien-  Travelguide Katalonien & Barcelona: Reiseführer inkl. kostenloser App + Straßenkarte + Autotouren Taschenbuch – 1. März 2014 von Ferenz Jacobs (Autor),‎ Annebeth Vis (Autor),‎ Hieke Voorberg (Autor),‎ Esther Hoff (Autor),‎ usw.

Meyers Großes Taschenlexikon (4. Auflage aus dem Jahr 1992)

  

Internet:

https://www.uni-frankfurt.de/44860878/Katalanische_Geschichte)

https://de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Inquisition

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Els_Segadors#Zur_Geschichte_des_Liedes

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Mein_Katalonien;

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Katalanismus

 

https://de.wikipedia.org/wiki/23-F

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Jordi_Pujol

 

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/193592/autonomie-in-spanien-23-10-2014

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Katalonien