„Die Bedeutung der eigenen Sprache“, Gespräch mit Prof. Tilbert Stegmann

(Foto: EFE)

(kys) – Barcelona. Professor Tilbert Dídac Stegmann wurde während der Franco-Diktatur in Barcelona geboren, als die katalanische Sprache unter Strafe aus dem öffentlichen Leben verbannt worden war. Im Alter von zehn Jahren zog er mit seiner Familie nach Deutschland. Erst im Studium erfuhr er von der Existenz der katalanischen Sprache. Seither hat er sein Lebenswerk der Verbreitung dieser Sprache gewidmet, wofür er zahlreiche Auszeichnungen in Katalonien erhielt.

BK: Professor Stegmann, Sie sind als Kind deutscher Eltern in Katalonien geboren und aufgewachsen. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Ich begann verhältnismäßig spät zu sprechen, aber gleich in zwei Sprachen: Deutsch mit den Eltern und Spanisch mit dem Kindermädchen, das wir im Haus hatten. Aus meinen ersten zehn Lebensjahren habe ich nur positive Erinnerungen an die Berge und Strände Kataloniens.

Wir lebten allerdings in eher bescheidenen Verhältnissen. Und das Land selbst schien mir auch in eher ärmlichem Zustand. Von der Existenz einer katalanischen Sprache hatte ich keine Ahnung.

BK: Wie kommt es, dass jemand, der anfangs nicht einmal von der katalanischen Sprache wusste, sich so sehr für ihre Verbreitung und ihren Erhalt einsetzt?

Ich entdeckte erst später, dass mir die Franco-Diktatur die eigentliche, angestammte Sprache meiner Geburtsstadt vorenthalten oder, salopper gesagt, gestohlen hatte. Ebenso alles Wissen über die katalanische Geschichte und Kultur. Das hat mich zu einem intensiven Erwerb dieser Kenntnisse – auch der katalanischen Sprache – angetrieben. Und ich sah, dass auch die deutsche Öffentlichkeit dringenden Nachholbedarf in Bezug auf Katalonien hatte.

Und ich sah, dass auch die deutsche Öffentlichkeit dringenden Nachholbedarf in Bezug auf Katalonien hatte.

Was ich selbst an Kenntnissen nachgeholt hatte, versuchte ich daher dem deutschen Publikum zu vermitteln. Nicht nur an Universitäten und allgemein im akademischen Bereich, auch in der breiten Öffentlichkeit: auf katalanischen Kulturfestivals, in Radiosendungen, Interviews, Aufsätzen und Büchern, zum Beispiel Wörterbüchern, Gedicht- und Liedersammlungen, Anleitungen und Anregungen zur romanischen Mehrsprachigkeit, Bild- und Textbänden zu katalanischen Künstlern wie Dalí, Tàpies und Miró, Beiträgen in Literaturlexika und Enzyklopädien, Reiseführern, durch die Gründung einer wissenschaftlichen Zeitschrift für Katalanistik sowie verschiedener Buchreihen.

BK: Lange Zeit hielt man Katalanisch für einen spanischen Dialekt. Dabei ist es eine alte Sprache, ähnlich dem Französischen oder Italienischen. Wie erklären Sie als Fachmann, dass Katalanisch so unbekannt ist?

Die einfachste Antwort: Eine Sprache, die keinen eigenen Staat hat, existiert nicht. Auf einer politischen Übersichtskarte Europas gibt es kein Katalonien und dementsprechend kein Katalanisch. Man muss schon genauer hinsehen, und das geschieht erst, wenn es einen Anlass dazu gibt. Wie etwa, wenn zwei Millionen Katalanen eine Menschenkette von den Pyrenäen bis zum Ebre bilden, um für ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren, oder wenn 2,3 Millionen Menschen abstimmen und sich zu 80 Prozent für Katalonien als neuem Staat in Europa aussprechen.

BK: Was bedeutet die eigene Sprache für ein Volk?

Die Sprache ist das einigende Band. Verliert sie sich oder wird sie durch eine stärkere und internationalere Sprache verdrängt oder gar ersetzt, dann zerbröckelt das Selbstbewusstsein als eigenständiges Volk. Der Menschheit geht damit ein weiteres Element der Vielfalt verloren, aus der sich unsere Kreativität speist.

Der Menschheit geht damit ein weiteres Element der Vielfalt verloren, aus der sich unsere Kreativität speist.

BK: Viele Katalanen verteidigen die Notwendigkeit, Katalanisch in einem unabhängigen Katalonien als einzige offizielle Sprache anzuerkennen, gerade um die Zweisprachigkeit zu garantieren. Könnten Sie uns das kurz näher erklären?

Eine gesicherte Zukunft für das Katalanische gibt es nur, wenn es irgendwo auf der Welt ein Fleckchen gibt, wo sie unangefochten die Nummer eins ist. Das gilt ja für jede Sprache. Unter diesem Gesichtspunkt ist „Zweisprachigkeit“ eigentlich zu kurz gegriffen. Katalonien hat die besten Chancen wirklich vielsprachig zu sein, indem es sich nicht nur dem Spanischen weiter geöffnet zeigt, sondern auch z. B. das Französische oder Italienische und natürlich das Englische und vielleicht das Deutsche in seinen europäischen Horizont einbezieht. Das Spanische wird in einem unabhängigen Katalonien nicht zu kurz kommen und allen Respekt genießen, aber es wird nicht mehr den Platz als offizielle Amtssprache oder gar als allverbindliche Staatssprache, wie bisher, beanspruchen können.

BK: Überrascht Sie die Entwicklung der Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien in den letzten Jahren? Was ist Ihrer Meinung nach geschehen?

Es überrascht mich eher, wie lange die Katalanen gebraucht haben, um ihren Hang zum ständigen Nachgeben zu überwinden. Mit jedem Nachbarn freundlich auskommen zu wollen, ist zwar für den Nachbarn sehr angenehm, aber es muss Grenzen haben, sonst wird es zu immerwährender Ausnutzung und zum Freibrief für den Nachbarn, sich nach Belieben zu bedienen.

Seit etwa vier Jahren hält eine Mehrheit der Katalanen den Weg des Kompromisses mit Spanien endgültig für eine Sackgasse. Das ständige „No“ der spanischen Regierung und der spanischen Öffentlichkeit zur Rückgabe der Hälfte der katalanischen Steuereinnahmen, das „No“ zur Anerkennung Kataloniens als eigene Nation, das „No“ zur Vorrangstellung der katalanischen Sprache in Katalonien, das „No“ zur Reform der katalanischen Landesverfassung, die Unterordnung aller Entscheidungen des katalanischen Parlaments unter das spanische, mit seiner unauflösbaren spanischen und antikatalanischen Mehrheit, überhaupt die spanische Mentalität mit ihrer eingepflanzten Katalonien-Feindlichkeit, die antidemokratisch aufgehobene Gewaltenteilung, bei der das Verfassungsgericht nur noch ausführendes Organ der spanischen Regierung ist, die immer stärker zugedrehte Daumenschraube der Rezentralisierung – all das und noch viel mehr macht ein weiteres Zusammenleben in einem gemeinsamen Staat mit den Spaniern für die Mehrheit der Katalanen unmöglich.

BK: Wie charakterisieren Sie die katalanische Unabhängigkeitsbewegung?

Bemerkenswert ist vor allem, dass sie nicht von politischen Parteien vorangetrieben wird, seien sie nationalistisch, sozialistisch oder anderer Couleur. Sie ist eine Volksbewegung, die weit mehr als nur den traditionellen bürgerlichen Kern umfasst. Zwei von Demagogie weit entfernte Frauen (Carme Forcadell und Muriel Casals), die enorme Sympathien von allen sozialen Schichten erhalten (auch von vielen aus Spanien und anderen Ländern zugewanderten Katalanen), führen eine Bewegung an, die Millionen Menschen auf die Straße bringt und für das Projekt eines selbst verwalteten katalanischen Staats im Staatenverbund Europas begeistert. Und hier handelt es sich nicht nur um Begeisterung, sondern um konkrete inhaltliche Überlegungen, wie ein zukünftiges Katalonien auf jeden Fall gerechter und vielleicht ein bisschen besser werden kann als heute.

BK: Sehen Sie Parallelen zur Bürgerbewegung von 1989 in der DDR?

Am auffälligsten ist, dass auch in Katalonien „wir, das Volk“ es ist, das den Prozess antreibt – gegen die Staatspartei im Fall der DDR, aber vor den für die Unabhängigkeit eintretenden Parteien in Katalonien.

BK: Warum unterstützen Ihrer Meinung nach immer mehr Deutsche, die zum Teil gar nicht in Katalonien leben, die Unabhängigkeitsbewegung?

Ich denke, dass ein Gefühl für Gerechtigkeit dabei die Hauptrolle spielt. Wer erkennt, wie ungerecht, überheblich und zum Teil feindselig sich Spanien gegenüber Katalonien schon immer, und in den letzten Jahren besonders, verhält, kann den Katalanen nicht raten, die Einheit Spaniens zu bewahren. Ein Neuanfang als eigener Staat in Europa scheint da einfach klüger.

Ein Neuanfang als eigener Staat in Europa scheint da einfach klüger.

BK: Sie haben diverse Bücher über Katalonien geschrieben, sowohl für Katalanen als auch für Deutsche. Ihr neuestes Buch „Ambaixador de Catalunya a Alemanya“ („Botschafter Kataloniens in Deutschland“) ist eine Autobiografie, in der Sie Ihr Leben und Schaffen in beiden Ländern schildern. Sie versuchen den Brückenschlag zwischen Deutschen und Katalanen und erklären – so der Untertitel des Buches –, „was die Katalanen sein wollen“. Was wollen sie denn sein?

Ich bin zwar nicht berufen, den Katalanen einen Weg zu empfehlen, aber ich kann schon sagen, was die Mehrheit der in Katalonien lebenden Menschen offenbar will: sämtliche Entscheidungselemente in die Hand bekommen, um für ihr Land unabhängig eine bessere Zukunft zu gestalten – mindestens diejenigen Entscheidungselemente, über die auch die anderen Staaten Europas verfügen. Die Katalanen wollen in diesem Sinne frei sein. 

 

Anm. d. Red. Diese Interview wurde erstmalig in „Die Übersetzung der Unabhängigkeit“ (Hille Verlag) veröffentlicht.