„Temps de Flors“ in Girona

Ein Gastbeitrag von Martina Kreutz (alle Bilder von Martina Kreutz, mehr unter https://www.flickr.com/photos/70875449@N06/sets/72157696589520634/)

 

Die im Norden von Katalonien gelegene Stadt Girona ist immer einen Besuch wert. Sie diente auch schon zahlreichen Filmproduktionen als Kulisse. Allerdings übernehmen an 10 Tagen im Mai die Blumen die Hauptrolle im mittelalterlichen Stadtkern. Die Blumen schmücken künstlerisch nicht nur Kirchen, Plätze und Straßenecken, sondern auch private und normalerweise nicht zugängliche Innenhöfe und Gebäude.

Heute ist die sogenannte Temps de Flors (Zeit der Blumen) ein Publikumsmagnet, der jährlich zehntausende Besucher aus aller Welt anzieht. Die Entstehung der Blumenschau ist auch ein Beispiel jüngerer katalanischer Geschichte. Einen ersten Anlauf gab es in den 1930er-Jahren während der Zweiten Spanischen Republik. Damals wurde vom Kulturverein Gironas eine Rosenausstellung organisiert, die allerdings nach dem zweiten Jahr schon wieder aufgegeben wurde.

1954 organisierte María Cobarsí, Mitglied und Delegierte der faschistischen Falange, einen Blumenwettbewerb im Salon des Stadttheaters von Girona. Aufgrund der stetig wachsenden Teilnehmer- und Besucherzahlen wurden über die Jahre immer größere und zusätzliche Ausstellungssäle genutzt.

Das Ende der Franco-Diktatur gefährdete die Fortsetzung der Blumenschau, da ab 1977 Kulturveranstaltungen dem Kultusministerium unterstellt waren, das wiederum wenig Interesse an der Temps de Flors zeigte. So übernahm 1979 der neu gegründete Verein der Blumen- und Gartenfreunde die Organisation. Dank der Teilnahme des Vereins „Freunde der Altstadt“ konnten seit 1983 auch Privatgärten und Innenhöfe als Ausstellungsorte gewonnen werden. 1992 erkannte schließlich auch die Stadtregierung das wirtschaftliche Potential und übernahm die Organisation und Finanzierung der Temps de Flors.

 

 

Politik durch die Blume

Neben der künstlerischen Umsetzung des Themas „Blumen“ kommen heutzutage auch immer wieder politische und soziale Themen zum Tragen. Zum einen vielleicht, um die franquistischen Wurzeln der Ausstellung zu verarbeiten, zum anderen sicherlich, um die Aufmerksamkeit der Medien und der internationalen Besucher für sozialpolitische Themen zu nutzen. So spiegelte sich im letzten Jahr die Flüchtlingsthematik unter dem Motto „Das Meer darf kein Friedhof sein“ an vielen Ausstellungsorten der Temps de Flor wider, während in diesem Jahr die Farbe Gelb als Symbol für die Solidarität mit den inhaftierten Politikern und Aktivisten vorherrschte.

Die Blumenschau, die 1954 noch mit einem Ausstellungssaal anfing, umfasste letztes Jahr 203 Ausstellungsorte, darunter 13 Gärten, 32 Innenhöfe, 60 Gebäude und Monumente, 52 städtische Räume und 82 Geschäfte, die am Schaufensterwettbewerb teilnahmen, unterstützt von 1.100 Freiwilligen. Insgesamt kamen 250.000 Besucher, die neben der Blumenschau auch Randveranstaltungen wie Konzerte, Konferenzen oder Castells besuchen konnten.

Die Zukunft dieser besonderen Blumenausstellung ist gesichert. Jetzt gilt es, ein gesundes Maß zu finden zwischen den Forderungen des Gastgewerbes nach mehr Werbung und dadurch steigende Besucherzahlen auf der einen Seite und auf der anderen Seite den Raum und die Ruhe der Anwohner zu respektieren.