Zweisprachigkeit im Alltag in Katalonien

(Chris Silber) – Barcelona. Deutschland hat seine Hochsprache, welche in der großen Öffentlichkeit alltäglich ausgeprägte Verwendung findet. Ob in der Schule, auf dem Amt oder in den Medien, überall in Deutschland wird vornehmlich in der Hochsprache kommuniziert. Im Alltagsleben begegnet man einigen regionalen Dialekten, manchen Anglizismen oder Entlehnungen. Doch im Grunde genommen ist der Sprachalltag eines Deutschen homogen. Das ist in Katalonien ganz anders.

 

Eine sprachliche Einordnung der katalanischen Sprache

Für einen romanischen Sprachlaien ist zwischen dem gesprochene Katalanisch und Spanisch kaum ein Unterschied zu erkennen. Richtig ist aber: Katalanisch ist eine Sprache; das bedeutete sie hat ihr eigenständiges Vokabular, eine eigene Grammatik sowie Laute. Es gibt viele Entlehnungen aber auch vollständig integrierte Wörter aus dem Französischen und Spanischen.

Katalanisch ist aus Sicht eines Deutschen etwa mit dem Niederländischen vergleichbar. Es ist weder Deutsch noch Englisch. Niederländisch ist gefühlt zwischen Englisch und Deutsch, aber eben mit nichten ein Dialekt oder eine Variante (Varietät), was im Volksmund schnell vereinfacht behauptet wird. Dem gemeinen Deutschen fällt es schwer, Niederländisch zu verstehen. Hört man jedoch genau hin, erkennt man einige Wörter und Satzstrukturen, die man aus dem Deutschen kennt. So ähnlich geht es einem Spanier oder Franzosen der Katalanisch hört. Stark vereinfacht könnte man also sagen: Katalanisch ist eine Sprache zwischen Französisch und Spanisch.

Das wird auch deutlich, wenn man die geografische Verbreitung betrachtet. Katalanisch wird vor allem in Catalunya gesprochen, welches zwischen dem überwiegend französischsprachigen Département Pyrénées-Orientales und dem überwiegend spanischsprachigen Comunidades Autónomas Aragón und Valencia liegt (siehe Grafik). Alleine in diesem Sprachraum sprechen rund 8,9 Millionen Menschen Katalanisch.

Hinzu kommt, dass außerhalb der Comunidad Autonoma de Catalunya in Valencia eine Variante (Varietät) des Katalanischen gesprochen wird, das Valencianisch. Auf den balearischen Inseln werden wiederum verschiedene Dialekte des Katalanischen gesprochen.Die katalanische Sprache ist also keine Minderheitensprache, sondern erfreut sich ernstzunehmender Reichweite sowie Anwendung. Sie stammt jedoch nicht, wie oft vermutet wird, vom Französischem oder Spanischem ab, sondern lässt sich aus dem Vulgär-Lateinischen herleiten, das nach dem Verfall des römischen Reiches die späteren romanischen Sprachen (Französisch, Spanisch, Portugiesisch etc.) entscheidend prägte. Am stärksten ist Katalanisch mit der heutigen Minderheitensprache Okzitanisch verwandt.

 

Veranschaulichung der Sprachnähe zwischen den romanischen Sprachen anhand eines Beispiels: Die gängige Begrüßungsfloskel auf Katalanisch ist „Adeu!“ (Aussprache: Ad-E-U) was ähnlich wie das deutsche „Tschüss!“ verwendet wird. Französisch: „Adieu!“ (Aussprache: Adiö) Spanisch: „Adiós!“(Aussprache: Adios) 

Eine Kuriosität: Es gibt sogar eine größere Sprachnähe des Katalanischen mit den romanischen Sprachen wie dem Französischen und dem Italienischen als mit dem Spanischen, das einen großen Einfluss des Arabischen erfahren hat. So ist das Wort „Tisch“ auf Katalanisch „taula“, auf Französisch „table“, auf Italienisch „taula“, aber auf Spanisch „mesa“.

 

Zweisprachigkeit im katalanischen Alltag

Im katalanischen Alltag gibt es, entgegen gängiger Behauptungen in manchen spanischen Medien, keinen Sprachzwang. Stattdessen hat sich nach der offiziellen Anerkennung der katalanischen Sprache 1978 ein allgemeiner Umgang entwickelt, welcher einzigartig ist. Um diesen zu veranschaulichen, kann folgende Kommunikationssituation zwischen drei sich unbekannten Personen angenommen werden:

Person A: Guten Tag! (Katalanisch)

(Person B akzeptiert die katalanische Sprache und antwortet auf Katalanisch)

Person B: Hallo! (Katalanisch)

(Person C spricht lieber auf Spanisch)

Person C: Hallo zusammen! (Spanisch)

Da alle drei Personen beide Sprachen verstehen, wird nach dem Mehrheitsprinzip Katalanisch weiter gesprochen. Person C hat jedoch kein Problem, weiter auf Spanisch zu sprechen. So kommt es zu folgender Situation:

Person A zu Person B: Na, was hast du heute so vor? (Katalanisch)

Person B zu Person A: Ach, eigentlich ist noch nichts geplant. (Katalanisch)

Person C zu A und B: Habt ihr Lust etwas zusammen zu unternehmen? (Spanisch)
Person A: Ja klar, wieso eigentlich nicht? (Spanisch) Kommst du mit „Person B“? (Katalanisch)

Person B: Einverstanden! (Katalanisch) Lasst uns auf die Rambla gehen. (Spanisch)

 

So wird beim Familientreffen, in der Kneipe oder auch in der Fersehdebatte munter zwischen den Sprachen gewechselt. Es kommt zu Situationen, die in Deutschland kaum vorstellbar wären. So entsteht beispielsweise in den Schulen die Situation, dass der Erdkundelehrer auf Spanisch spricht und nach dem Lehrerwechsel der Mathematiklehrer auf Katalanisch fortfährt.

Eine vergleichbare Situation kann man sich für einen deutschen Schüler vorstellen beim Sprachwechsel des deutschsprachigen Biologielehrers zum englischsprachigen Englischlehrer. Für manch einen Schüler ist dieser Sprachwechsel stets eine Qual. In Katalonien hingegen ist er völlig schmerzfrei. Den „ich kann die Sprache, aber ich brauche ein paar Minuten bis ich wieder drin bin“-Effekt gibt es kaum. Das merkt man gerade auch in den Schulpausen. Dort hört man durchgängig den ungezwungenen Sprachwechsel zwischen den Schülern. Die Kinder leben in einer sprachlichen Vielfalt, die teilweise von spanischen-konservativen Politikern immer wieder in Frage gestellt wird.

So kommt es dazu, dass der katalanischen Regierung teilweise vorgeworfen wird, sie würde die Kinder in den Schulen indoktrinieren und die spanische Sprache untergraben, um die Schüler katalanisch „zu polen“. Das entspricht jedoch nicht der Wirklichkeit des unpolitisierenden Schulhofs, vor allem in Spanien, wo generell wenig politische Debatte in Schulen stattfindet. Es sind gerade die Kinder, die in ihrer Unbedarftheit stets einen ungezwungenen Umgang ihres zweisprachigen Alltags zeigen.

 

Kontroversen und Umgangsweisen

Durch die Art der Kommunikation entstehen jedoch auch Kontroversen. So kam es im August 2017 nach den Terroranschlägen in Barcelona zu einer Situation bei einer Pressekonferenz der katalanischen Polizei. Ein internationaler, rein Spanisch-verstehender Journalist beschwerte sich beim katalanischen Polizeichef Josep Lluis Trapero, der gerade einem Katalanisch-fragenden Journalisten auf Katalanisch antwortete. Vom Protest des spanischen Journalisten gestört, erklärte der Polizeichef auf Katalanisch: „Wenn ich eine Frage auf Katalanisch gestellt bekomme, antworte ich auf Katalanisch, wird eine Frage auf Spanisch gestellt, antworte ich auf Spanisch.“ Daraufhin zeigte der spanische Journalist weiteres Unverständnis und tat seinem Unmut kund, indem er den Raum verließ. Nun fiel ein Satz des katalanischen Polizeichefs, dessen Wirkung sich im Internet über große Beliebtheit freuen sollte: „Na, gut, dann (Spanisch) sehr gut (Katalanisch),…dann Tschüss! (Spanisch). Original: Bueno, pues molt bé, pues adiós!

Zum einen machte der katalanische Polizeichef damit die für gewöhnlich akzeptierten Regeln im katalanischen Sprachgebrauch klar, und außerdem hatte er mit seiner Ausdrucksweise unbewusst ein weiteres Phänomen des katalanischen Sprachalltags verdeutlicht. Spanisch und Katalanisch werden in einem Satz verwendet. Es ist durchaus üblich, dass man innerhalb eines Satzes beim mündlichen Austausch eine oder gar mehrere Vokabeln mit der jeweils anderen Sprache ersetzt.

 

Sprache als politisches Momentum

Dies hat neben dem linguistischen Ereignis jedoch vor allem auch eine politisches Momentum. Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass Katalanisch in der Zeit der Franco-Diktatur (1939-1975) völlig verboten waren. Also hatte die Situation in der oben genannten Pressekonferenz auch unbewusst den Nebeneffekt, die katalanische Sprache neben der spanischen zu behaupten. Dass ein „Spanisch sprechender Ausländer“, dessen Alltag in Spanien nur einsprachig ist, auf eine Sprachbarriere im „eigenen Land“ trifft, kränkte hingegen das spanische Identitätsbewusstsein und erlangte auch deshalb großen Rückhalt in den spanischen Medien und in den sozialen Netzwerken: (https://www.youtube.com/watch?v=K5_V-wEp-jA)

Im Umgang mit Nicht-Muttersprachlern kommt es auch zu weiteren interessanten Umgangsweisen. So wird in Katalonien allgemein davon ausgegangen, dass man einem Nicht-Muttersprachler grundsätzlich auf die Sprünge hilft, indem man ihm auf Spanisch begegnet. Man geht also grundsätzlich davon aus, dass der „Ausländer“ wohl besser Spanisch kann und öffnet sich ihm mit Spanisch. Ein Erstaunen tritt dann ein, wenn der „Ausländer“ auf Katalanisch antworten kann. Auf den Ämtern bekommt man generell zweisprachige Dokumente ausgehängt, und wenn diese komplett in unterschiedlichen Sprachen vorliegen, dann den spanischen Text.

So ist das Leben im bilingualen katalanischen Alltag ein sprachlich und somit auch kulturell vielseitigeres Leben als in einem einsprachigen Land. Mit seinen politischen Komponenten ist diese Zweisprachigkeit in Katalonien stets kontrovers, jedoch auch stets offen und ungezwungen. Ein identitätsbewusster Umgang mit der katalanischen Sprache ohne national-starrsinnigen und verschlossenem Geist ist ein Phänomen in Katalonien, das für einen Deutschen mit post-nationalsozialistischen Geschichtsverständnis kaum zu begreifen ist. Doch es geht und es lebt in Katalonien.

 

mehr zum Autor: Chris Silber @Silbersurver1